Im Elfenbeinturm geht es streng zu. Werner Heisenberg, Begründer der Unschärferelation, hatte Hans-Peter Dürr
1978 zu seinem Nachfolger im Max-Planck-Institut für Astrophysik ernannt. Der Amerikaner Murray Gell-Man,
Nobelpreisträger in Physik, fand das im Nachhinein keine glückliche Entscheidung. Warum? "Dürr will die Welt verbessern,
er soll lieber vernünftige Physik machen." Sobald Physiker ihren Teil dazu beitragen, eine bessere Welt zu
schaffen, ernten sie in ihrer Disziplin scharfe Worte. Für Hans Grassmann sind solche Worte Ansporn.
Bereits während seines Physikstudiums in Erlangen und Hamburg entwickelte Grassmann zusammen mit Mitarbeitern des Max-
Planck-Instituts eine neue Methode für die Kalorimetrie, das heißt zur Messung der Energie hoch energetischer
Teilchen (inzwischen sind mehrere Hochenergiedetektoren, unter anderem der zurzeit modernste in Stanford, mit der
von ihm entwickelten Technologie ausgerüstet), die ihn zur "Physikerhoffnung" in Deutschland machte. Noch
während seiner Promotion ging er an das europäische Kernforschungszentrum CERN nach Genf, wo er von 1984 bis 1988 mit dem Nobelpreisträger Carlo Rubbia zusammenarbeitet.
Anschließend gelang es ihm, zusammen mit M. Cobal und G. Belletini, im Fermilab in Chicago 1994 das Top
Quark nachzuweisen, das schwerste existierende Teilchen.
Alle Türen standen ihm offen: Doch Grassmann entschied sich, aus dem Turm herab auf die Erde zu steigen und dort
Physik zu machen. Seiner Meinung nach wurde oben Geld verschleudert, das auf dem Boden fehlte. Was trägt das Top
Quark, was tragen Teilchenbeschleuniger zur Verbesserung des Lebens bei? Das waren die Fragen, die ihn umtrieben.
Er fing an Bücher zu schreiben, in denen er die Physik auf ihren gesellschaftlichen, kulturellen und ökologischen Nutzen hin
untersuchte: "Das Top Quark, Picasso und Mercedes Benz" (1997), "Alles Quark. Ein Physikbuch" (1999), zuletzt
"Ahnung von der Materie. Physik für alle" (2008).
Dann ging er nach Italien an die Universität von Udine und entwickelte mit seinen Studenten ein Spiegelsystem zur
Wärmeerzeugung: den Linearspiegel, dessen Produktion aufgrund seiner Einfachheit auch ohne externe Partner finanziert
werden kann. Die ersten Anlagen sind mittlerweile erfolgreich in Betrieb, eine industrielle Fertigung in Vorbereitung.
"Wir können mit Hilfe einfacher Spiegelsysteme Öl, Kohle und Atomkraft durch Sonnenenergie ersetzen, zu
einem Preis, der nicht über dem von Öl, Kohle und Atomkraft liegt. Und dazu müssen wir nicht in die Wüste gehen, das
funktioniert auch in Deutschland. Die Nomenklatura hätte solche Spiegelsysteme schon vor 30 oder 50 Jahren entwickeln
können. Sie tat dies nicht, und sie tut alles, auch andere an solchen Entwicklungen zu hindern.
Es ist dumm und unmoralisch, dass wir mit unserem Geld, das wir fürs Erdöl bezahlen, Fanatiker und Extremisten unterstützen, ihnen sogar die Entwicklung von Atombomben finanzieren. Und unsere jungen Wissenschaftler, die uns aus
dieser irrsinnigen Situation befreien könnten, schlagen wir tot, nicht sie selbst, aber ihren Geist. Das muss sich ändern.
Es ist möglich, die Kriege ums Erdöl zu vermeiden, die Produktion von Atommüll zu stoppen und die Erderwärmung
aufzuhalten. Es würde nicht einmal zusätzlich Geld kosten. Alles, was wir tun müssen, ist, Gedankenfreiheit zu gewähren,
nicht nur in politischen Dingen, sondern auch in der Wissenschaft."
So spricht Hans Grassmann. Und was er hier sagt, das lebt er auch – mit einer Konsequenz und einem Durchhaltevermögen,
die ihres gleichen suchen. Darum erhält er den Nuclear-Free Future Award.
is presented by the
Franz Moll Foundation
for the Coming Generations
to
for seeing the importance of the complex,
the dangers of the complicated,
and finding solutions for humankind
along the path of simplicity