Bemerkungen zu Manhattan
und zum Manhattan Project.
Und über Kreise, die sich schließen.

von Claus Biegert

I. Man-hatta, die Felseninsel, diente den Algonkin sprechenden Leni Lenape im Sommer als Ort zum Fischen. In manchen Überlieferungen ist von Menschen die Rede, die sich Manhattan nannten. Wie auch immer: Wenn die Plage der Stechmücken am schlimmsten war, dann war hier in der Mündung des Flusses, den die Weißen später Hudson nennen sollten, mit Wind zu rechnen, der die Moskitos vertrieb. Hier gefiel es auch den Holländern und sie boten Perlen und Tuch, um rechtmäßig zu siedeln. Die Indianer nahmen den Handel an, ahnten nicht, dass nach europäischem Rechtsverständnis sie jetzt zu weichen hatten. Sie kamen also weiterhin, um zu fischen und mit den Fremden Handel zu treiben. Die neuen Herren zogen daher eine Mauer – The Wall: Bis hierher durften die ursprünglichen Bewohner, hier durften sie ihre Felle feilbieten. Wir wissen heute noch genau, wo man den Ureinwohnern Halt gebot: Die Wall Street erinnert an die alte Grenze zwischen Weiß und Rot. Bis heute wird hier Handel getrieben. Auch mit Uran.

II. Nachdem Präsident Franklin D. Roosevelt, gedrängt von Albert Einstein, die Entwicklung der Atombombe zur Regierungssache machte, trafen sich Militärs, Wissenschaftler und Ingenieure in New York City. Als es um einen Decknamen ging, wählte man als Paten doch einfach den Stadtteil, in dem man sich befand. Die geheime Mission erhielt den Namen Manhattan Project. Zwei Adressen dienten den Eingeweihten als Treffpunkte: Das Gebäude von Bell Telephone (463 West Street) und das Gebäude von Woolworth (233 Broadway). Dann aber, als das Projekt alle bisherigen Dimensionen sprengte, verteilte man sich über den Kontinent, von Tennessee über New Mexico bis nach Ontario in Kanada. Das Zentrum war Los Alamos, versteckt in den Bergen von New Mexico. Dort wurden die Bomben gebaut, die das Atomzeitalter eröffneten.

III. Indianer denken in Kreisen. 1870 stand in der Great Hall der neu erbauten Hochschule Cooper Union am Pult ein Häuptling der Oglala-Lakota. Es war Chief Red Cloud, der an der Ostküste für die Zukunft seines Volkes um Verständnis nachsuchte. Er stand am Pult, an dem Abraham Lincoln zehn Jahre zuvor seine berühmte Rede gehalten hatte, die ihm zur Präsidentschaftskandidatur verhalf. Das von rotem Samt gesäumte Pult steht noch immer. Am 30. September wird Henry Red Cloud an dieses Pult treten, um über seine Arbeit auf dem Reservat Pine Ridge zu sprechen, wo er junge Menschen als Solartechniker ausbildet und so der Atomstromlobby die Stirn bietet; nicht ohne den Uranabbau in den heiligen He Sapa (Black Hills) im Blick zu haben. Henry ist ein Red Cloud-Enkel in fünfter Generation.

IV. Für uns schließt sich ein Kreis im ehemaligen Häuserblock von Bell Telephone, der heute Westbeth heißt und Künstlern eine Wohnstatt bietet. Im Mai 1990 wurde hier, im Ramscale Loft im 13. Stockwerk, das erste Mal vor Publikum das World Uranium Hearing bekannt gegeben; zwei Jahre später fand das WUH in Salzburg statt. 1998 war es dann das Folgeprojekt, The Nuclear-Free Future Award, das im Ramscale Loft vorgestellt wurde. 1999 gingen wir für die zweite Preisverleihung des NFFA nach Los Alamos in die Fuller Lodge, wo sich einst Robert Oppenheimer und sein Team am Wochenende vergnügten. Anlässlich der Preisverleihung des Nuclear-Free Future Award 2010 werden sich Preisträger und Organisatoren natürlich auch an diesem Ort einfinden. Es ist wichtig, über die geografischen Linien einer verhängnisvollen Vergangenheit ein identisches Netz neuer Ideen und Werte zu legen, um uns alle aus dem Bannkreis des historischen Unheils zu befreien.

V. Wir haben ein klares Ziel: Wir fordern eine Zukunft frei von Atomwaffen und Atomstrom. Dazu gehört die Ächtung von Uran und der Herstellung von Yellowcake. Unsere Zivilisation steckt in einem Dilemma: Wir nehmen uns, was wir für unseren Lebensstil brauchen, dabei zerstören wir, was wir zum Leben brauchen. "Was immer wir heute tun, wir dürfen das Wohlergehen der kommenden sieben Generationen nach uns nicht gefährden" – diese Lebensregel der Haudenosaunee – von uns Irokesen genannt – könnte uns aus unserem Dilemma heraus führen.